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Die Gefahr des Konzeptionalismus

 

In den vergangenen Jahrzehnten eroberte sich der Mensch immer mehr Bereiche, die er durch planvolle Konzeptionen unter Kontrolle zu bringen versuchte. Einige dieser Bereiche scheinen uns auch selbstverständlich der Verfügungsgewalt des Menschen anheimgestellt zu sein, etwa das Bildungssystem. Sehen wir einmal davon ab, dass es politischerseits auch hier Fehlplanungen und Fehlkonzeptionen geben kann und tatsächlich auch gibt, könnten wir uns gleichwohl eine gelungene Konstruktion des Lehrens und Lernens in einer Gesellschaft vorstellen. Auch die Verkehrsplanung kann zu einer für eine Gemeinde oder eine Region befriedigenden Lösung führen. Als glücklich sind die Lösungen dann anzusprechen, wenn zum einen Probleme, die sich in einem spezifischen Bereich gezeigt haben, ohne Abstriche in anderen Aspekten ebendieses Bereiches gelöst werden konnten. Zum anderen gehört zu einer glücklichen Lösung, dass andere Bereiche von der Lösung nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Nähmen wir etwa an, eine Region zeichnete sich aus durch optimale Verkehrsanbindung, erschwingliche Tarife des öffentlichen Transportes in ideal den Lebensumständen aller angepassten Zeitintervallen, zudem baulich vorbildlich ausgeführten Lärmschutz, und ausreichenden und sicheren Raum für Fußgänger und auch für Radfahrer. Was sollte man hier noch besser machen können? Gleichwohl stellt sich aber die Frage, ob unser Leben nicht zu sehr von der Möglichkeit schneller und reibungsloser Bewegung von Ort zu Ort geprägt ist; ob die Perfektion eines Verkehrsnetzes nicht sozialen Druck erhöht, pünktlich sein zu müssen; ja, ob nicht überhaupt der motorisierte Verkehr auf Dauer unseren Lebensraum zerstört. Auch wenn wir für eine konkrete Situation keine politische Alternative zu einer optimalen Verkehrsplanung sehen, so können wir doch erkennen, dass andere Bereiche auch durch die beste Konzeption letztlich angegriffen und belastet werden.

Je kleiner der Bereich, desto geringer sind, so könnte man annehmen, mögliche negative Auswirkungen auf andere Bereiche.

Nun erleben wir in den letzten Jahrzehnten eine ungeheuerliche Ausdehnung von menschlichen Konzeptionen, welche meist auftreten mit dem Anspruch, Gutes bewirken zu wollen. Ich denke, dass wir mittlerweile genügend Erfahrung gesammelt haben, um zu erkennen, dass der Weltfrieden durch keine Konzeption zu erreichen ist. Allerdings hören wir immer noch Argumentationen, die auf eine Planung des Weltfriedens hinauszulaufen scheinen, etwa, wenn Bombenangriffe mit Friedenssicherung begründet werden.

Wann wird der Radius einer Konzeption zu groß, so dass er der Kalkulierbarkeit sich entzieht und unberechenbare Folgen zeitigt? Wir können nur mit Schaudern auf das Chaos blicken, welches militärische Operationen, so genannt, als wären sie chirurgische Eingriffe, etwa in Libyen, Afghanistan, Syrien und an leider ungezählten anderen Orten dieser Welt, hinterlassen haben. Regierungen der westlichen Welt und die Europäische Union scheinen mir auch im derzeitigen Konflikt im Osten Europas den Fehler zu wiederholen, durch Unterschätzung der Komplexität unabsehbare Risiken heraufzubeschwören. Wo aber verlaufen die Grenzen, innerhalb derer Folgen realistisch abgeschätzt werden können?

Im Bereich der Medizin etwa können die Nebenwirkungen eines Medikamentes abgeschätzt werden, wenn der zu behandelnde Organismus nur dort erkrankt ist, wo das Medikament auch seine Wirkung entfalten soll. Ist der Organismus allerdings geschwächt oder anderen medikamentösen Einflüssen ausgesetzt, so werden Nebenwirkungen zunehmend unberechenbarer. Wollen wir aber den gesamten Organismus etwa des Menschen medizinisch konzipieren, indem wir Gene und Immunreaktionen zu planen versuchen, werden wir uns in ein Gewirr von ungeahnten Interaktionen und Auswirkungen hoffnungslos verstricken. Der menschliche Organismus ist nämlich keine abgrenzbare Maschine. Geist und Leib verbinden den Organismus mit allem, was er aufnimmt, erlebt und verarbeitet. Und spätestens durch diese Verbindung ist jeder individuelle Organismus mit unzählbaren Strängen verbunden. Nicht die allersorgfältigste Rekonstruktion vermag hier auch nur einen Teil der Komplexität zu erreichen.

Zu der Zeit, da der erste Lockdown verhängt wurde, verschwanden am Donauufer die schwarzen Streifen, welche das angeschwemmte Öl sonst immer in den Sand gezeichnet hatte. Diese Wunder der Genesung geschahen nicht durch technologische Planung, sondern durch den Rückzug des Menschen. Es ist zu bezweifeln, ob es uns Menschen gelungen wäre, die gleichen Effekte zu erzielen, wenn wir das Ergebnis hätten planen und kalkulieren müssen. Vergessen wir nicht, dass, als die Atomkraft entwickelt wurde, sie als die saubere Energie betrachtet wurde. Dass die Endlagerung die Menschheit einst vor allergrößte Probleme stellen würde, haben damals viele nicht erkannt – und manche scheinen es heute wieder zu vergessen. Vielleicht geschieht Ähnliches derzeit mit der Hoffnung auf Elektroautos. Zweifel an der Umweltverträglichkeit werden ja bereits wach, da wir nicht allein das fertige Auto und seine Emissionen betrachten müssen, sondern auch den Prozess der Herstellung und der Entsorgung.

Wo aber liegt der Fehler in solchem Konzeptualismus? Deutlich geworden ist, dass in allem Scheitern großer Konzepte Parameter unbedacht geblieben waren, Einflüsse und Impulse, die den Prozess veränderten und beeinflussten und dadurch uns Beobachtende überraschten. Unterstellen wir einmal, dass alle diese Konzepte gut gemeint waren, also zur Verbesserung unserer Lebensqualität beitragen sollten. Aber immer wurde der Mensch mit einer Komplexität konfrontiert, die er offenbar unterschätzt hatte. Wäre es dann möglich, bei ungeheurer Steigerung der Komplexität, bei massenweiser Fütterung mit Daten und Parametern, Konzepte tatsächlich hieb- und stichfest zu machen? Sind wir also nur unvollkommen gerüstet, aber grundsätzlich in die richtige Richtung gegangen?

Verlassen wir aber nun die Bereiche, in denen die Diskussion mittlerweile lebendig geworden ist, und in denen Meinungen ausgeglichen publiziert und öffentlich dargebracht werden.

Wo wird noch konzipiert und kalkuliert? Derzeit erleben wir eine nie dagewesene Planung der Gesundheit. Unvorstellbare Einschränkungen werden den Menschen weltweit abverlangt, unvorstellbare existenzielle Opfer werden darzubringen verlangt zugunsten der Gesundheit. Auch hier scheint mir die Konzeption des gesunden Menschen zahlreiche Parameter menschenwürdigen Lebens beiseite zu lassen. Ob dies aus Versehen geschieht, nach gewissenhafter Abwägung oder nach raffiniertem Kalkül, wage ich noch nicht zu entscheiden. Dass die durch solches Handeln gewonnene Gesundheit die zahlreichen Opfer aufwiegt, die gerade die Ärmsten zu bringen genötigt sind, bezweifle ich stark. Merkwürdig, dass bei den Impfungen gerade diejenigen Technologien gefördert werden, welche das Immunsystem als Ganzes beeinflussen. Auch hier zeigt sich ein Konzeptionalismus, der Gefahr läuft, Komplexität zu unterschätzen.

Zurecht lehnen wir rückblickend diejenige Eugenik ab, welche, in den 20er-Jahren populär geworden, bekanntermaßen grausame Folgen gehabt hat. Hier zeigte sich ein menschenverachtender Konzeptionalismus, der einem Bild von Rasse huldigte, welches er selber entworfen hatte. Wenn wir den Anfängen wehren wollen, müssen wir das Leben zulassen, egal, ob es unserem Bild und unseren Planungen und Wünschen entspricht oder nicht. Dass wir heute eine Art Renaissance der Eugenik erleben, scheint vielen nicht klar zu werden. Ist es nötig, deutlicher zu werden?

Denken wir an gelungene Eingriffe des Menschen, politische, medizinische oder soziale, Eingriffe in Gesellschaft, Kultur und Lebensqualität. Wir werden erkennen, dass die gelungensten Veränderungen und Revolutionen aus Empathie entstanden sind. Einfühlung bedeutet ein Sich-Einlassen auf das Gegenüber, sei dies ein Mensch, ein Tier, ein Garten, ein Fluss. Diese Empathie, diese Einfühlung lässt sich hineinnehmen in die unendlich zahlreichen Beziehungen des Gegenübers. Dann wird in unmittelbarer Verbindung gehandelt, und die Komplexität wird als Ganze übernommen und eben nicht gestört.

Was heißt es, dass Komplexität übernommen wird? Wenn ich etwa eine Tasse in die Hand nehme, um aus ihr Tee zu trinken, fühle ich sofort, mit welcher Kraft ich sie anfassen und mit welchem muskulären Aufwand ich sie zum Mund führen muss. Es bedarf keiner Analysen, da ich als wahrnehmendes Wesen eine unmittelbare Einschätzung vorzunehmen befähigt bin, und zwar von Natur aus. Weit komplexer sind Situationen der Begegnung mit anderen Menschen. Aber auch hier fühlen wir Angemessenheit im kommunikativen Austausch und können einschätzen, wie heftig wir jemanden umarmen dürfen, welche Worte wir wählen für unser Gespräch, wann wir lächeln oder lachen dürfen, wann und in welchem Maße wir Betroffenheit zeigen dürfen. (Leider scheint diese Fähigkeit, Angemessenheit zu empfinden, im Abnehmen begriffen zu sein. Die in den Lockdowns verordnete Isolation und die Vermehrung digitaler Kommunikation als Ersatz für die leibhaftige Begegnung verstärken diese Tendenz enorm.) All diese Einschätzungen geschehen zu einem großen Teil unbewusst. Unser Denken und unsere Bewusstheit greift natürlich auch an bestimmten Stellen korrigierend ein. Aber all unsere Handlungen bleiben eingebettet in den empathischen Kontakt mit der Welt um uns herum. Fällt diese Einbettung fort, müssen wir die Welt gewissermaßen in uns rekonstruieren, und das Ergebnis solcher Rekonstruktion kann nur ein unvollkommenes sein. Diese Unvollkommenheit hindert uns daran, die Folgen unserer Eingriffe wirklich abschätzen zu können. Je größer aber unser unvollkommenes Konzept der Welt, desto gravierender die Fehler, die über kurz oder lang aus ihr resultieren.

Ein Bild möge diese Gedanken illustrieren: Baue ich einen Turm aus Bauklötzen auf einem unbemerkt leicht schiefen Grund, so werde ich, wenn ich nach fünfzehn Klötzen merke, dass das Gleichgewicht gefährdet ist, die nächsten Bauklötze ein ganz klein wenig versetzt auf den Turm setzen, damit die Balance gewahrt bleibt. Konzipiere ich aber gleich einen dreißig Bauklötze hohen Turm und setze ihn dann auf den leicht schiefen Grund, so ist mein Bauprojekt zum Scheitern verurteilt und der Turm wird einstürzen.

In der Naturwissenschaft sind oft Folgen zu beobachten, die unvorhersehbar sind, obgleich sie auf einfachen Algorithmen zu beruhen. Man nennt dies deterministisches Chaos.

Kehren aber wir nochmals zur Frage zurück, ob nicht eine ungeheure Steigerung der Datenerfassung gleichsam asymptotisch und noch vollkommener sich der Komplexität der uns umgebenden Wirklichkeit annähern könnte, als es unserem Empfindungsvermögen gegeben ist: Könnte künstliche Intelligenz nicht aus einer unfassbar großen Zahl an Daten Handlungen vorschreiben, die weit mehr Parameter einbeziehen, als wir es selber je könnten? Hierzu ist zu sagen, dass unsere Empathie, wenn sie denn entwickelt ist, mit der uns umgebenden Welt nicht allein Daten erfasst, sondern auch die uns jeweils möglichen Reaktionen zugleich mitdenkt. Die möglichen Reaktionen sind bedingt durch unsere Begabungen und Fähigkeiten, durch unsere körperlichen Bedingtheiten, die wir – das möchte ich betonen – uns weder aussuchen noch eintauschen können. Unsere möglichen Reaktionen sind aber auch gesteuert durch unser Gewissen, welches – sofern es gebildet ist – unsere Handlungen und sogar unsere Einstellungen und Denkweisen zu beurteilen vermag, ohne dass wir selber die Kontrolle über diese innere Stimme gewinnen könnten. Und insbesondere das Gewissen ist eine Instanz, welche die Angemessenheit unserer Wirklichkeitsbegegnung überwacht und im besten Falle auch lenkt. Das Gewissen vermag sich aber nur in einem Ich-Bewusstsein zu rühren. Dieses Ich-Bewusstsein ist eine Voraussetzung, die die vollkommenste künstliche Intelligenz niemals zu leisten im Stande sein wird.

Es fragt sich allerdings, ob die menschliche Geschichte mittlerweile, nach Jahrzehnten übernationalen und globalen Handelns, nicht oft genug das Scheitern allzu umfassender Konzepte offenbart hat. Müssten diese Erfahrungen nicht zu größerer Vorsicht in konzeptualistischer Planung führen? Können wir wirklich annehmen, dass diejenigen, die globalistische Konzepte vorlegen, so naiv sind zu glauben, dass das jeweils neueste nun doch zu Erfolg führen müsse? Ich zweifle daran. Dieser Zweifel ist eigentlich Ausdruck eines ’Realismus‘. Allerdings sind Gegenbewegungen im Erstarken, und dass diese nicht in gleichem Ausmaß global sichtbar sein können, liegt in der Natur der Sache – und in der Natur der Lösung. Die Lösung bedarf einerseits der Erkenntnis der Unvollkommenheit unseres Einsehens und Handelns, andererseits der Bereitschaft, sich empathisch auf die Natur des Menschen und auf die Wirklichkeit der Welt mit all ihren Früchten im Guten und Bösen einzulassen und in unseren begrenzten Räumen, in welche unsere Empathie noch reichen kann, mit allem Guten mitzuwirken.

Oktober 2022